Archiv für Mai 2014

Gegen den „Schwei­ge­marsch für das Leben“ am 26. Mai in Annaberg-Buchholz

Am 26. Mai wird in Annaberg-Buchholz (nahe Chemnitz) zum 5. Mal eine Allianz von selbsternannten „LebensschützerInnen“ einen Schweigemarsch abhalten, um damit Lobbyarbeit für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zu betreiben. Ganz abgesehen davon wie schlecht die politischen Aussichten für diese krude Forderung auch sein mögen, sind wir der Meinung, dass es sehr wichtig ist diesen Marsch mit unserer Anwesenheit und unseren Positionen zu begleiten. Die „LebensschützerInnen“ schaffen durch ihre Forderungen, ihre Rhetorik und ihre offensive Präsenz ein Klima, das Abtreibungen noch belastender macht und der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht von Individuen, in diesem Falle Frauen, diametral entgegensteht, insbesondere in einer Kleinstadt wie Annaberg-Buchholz. So sprechen sie bspw. von Kindestötungen, wenn sie die Abtreibung von Föten meinen, oder beginnen ihren Marsch direkt vor dem Kreiskrankenhaus, im weiten Umkreis der einzige Ort an dem Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden.

Nach dem Vortrag von Kerstin Achtelik am 14. Mai haben sich einige Interessierte über eine gemeinsame Anfahrt nach Annaberg ausgetauscht und es werden mehrere Autos von Leipzig fahren. Es gibt auch die Möglichkeit mit der Bahn über Chemnitz hinzufahren.
Der Schweigemarsch wird am 26. Mai 18 Uhr gegenüber dem Erzgebirgsklinikum in der Chemnitzer Straße 15 beginnen. Unter anderem ist angedacht Materialien mitzubringen, um den LebensschützerInnen eigene Positionen entgegen zu halten, wie Transpis und Infomaterial, als auch Utensilien, die das Schweigen übertönen mögen, z.b. Pfeifen, Stimmen etc.

Wer ebenfalls nach Annaberg kommen möchte und noch weitere Fragen hat, kann uns gern mailen an josephine.le[add]riseup.net

Es folgt ein Aufruf des Bündnisses Pro Choice Dresden zum Schweigemarsch der CDL (Christdemokraten für das Leben) in Annaberg-Buchholz am 26. Mai.

Mein Kör­per ge­hört weder Kir­che noch Deutsch­land – Weg mit §218
Gegen den Schwei­ge­marsch der CDL in An­na­berg Buch­holz

Was Fe­mi­nis­t_in­nen er­kämpft haben, stel­len christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­t_in­nen seit jeher in Frage: das Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en*1. Welt­weit be­fin­den sich ra­di­ka­le Ab­trei­bungs­geg­ner_in­nen im Auf­wind. Ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen zei­gen, dass das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch mas­siv ein­ge­schränkt wer­den soll, ak­tu­ell bei­spiels­wei­se in Spa­ni­en. In Deutsch­land ver­sam­meln sich fun­da­men­ta­lis­ti­sche Geg­ner_in­nen von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen seit ei­ni­gen Jah­ren zu so ge­nann­ten „Mär­schen für das Leben“, die in Müns­ter, Ber­lin und An­na­berg-​Buch­holz statt­fin­den. Wäh­rend die Auf­mär­sche in Müns­ter und Ber­lin nicht ohne Pro­tes­te von Fe­mi­nis­t_in­nen ab­lau­fen konn­ten, blieb der An­na­berg-​Buch­hol­zer Schwei­ge­marsch in den vier Jah­ren sei­nes Be­ste­hens un­wi­der­spro­chen. Aber uns ist kein Weg zu weit, wir kom­men auch nach An­na­berg-​Buch­holz!

An­na­berg-​Buch­holz liegt im Erz­ge­bir­ge im Süd­wes­ten Sach­sens, wo sich selbst in der athe­is­ti­schen DDR eine star­ke christ­li­che Prä­gung er­hal­ten hat. Diese war of­fen­bar beste Vor­aus­set­zung für das Er­star­ken streng kon­ser­va­ti­ver Chris­t_in­nen, so­ge­nann­ter Evan­ge­li­ka­ler, die durch eine wort­ge­naue Bi­bel­aus­le­gung, den Glau­ben an den stra­fen­den Gott, ag­gres­si­ve Mis­si­ons­ar­beit, ihre Kla­gen über die Zer­stö­rung der tra­di­tio­nel­len Fa­mi­lie und ihre Äu­ße­run­gen gegen Ho­mo­se­xua­li­tät von sich reden ma­chen.2

Das Kreuz mit dem Kreuz
Über die star­ke Ein­fluss­nah­me kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen im Erz­ge­bir­ge hin­aus be­ste­hen auch Ver­bin­dun­gen in die Po­li­tik. Die „Christ­de­mo­kra­ten für das Leben“ (CDL) Or­ga­ni­sa­tor_in­nen des Schwei­ge­mar­sches, ver­fü­gen in Sach­sen be­reits seit 1990 über einen ei­ge­nen Lan­des­ver­band in­ner­halb der CDU. Stef­fen Flath – CDU-​Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der im säch­si­schen Land­tag und pro­mi­nen­ter Un­ter­stüt­zer des Schwei­ge­mar­sches – be­tei­ligt sich seit Jah­ren mit Re­de­bei­trä­gen, in denen er das Ver­bot von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen for­dert. Er­klär­tes Ziel der CDL ist es, ihren Ein­fluss in der CDU zu nut­zen, um Schwan­ger­schafts­ab­brü­che nicht nur in Deutsch­land, son­dern welt­weit zu kri­mi­na­li­sie­ren. Die Ver­su­che der christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­t_in­nen, auf po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen ein­zu­wir­ken, haben sich z.B. 2006 im Vor­stoß der Ge­sund­heits­mi­nis­ter_in­nen von Sach­sen, Sach­sen-​An­halt und Thü­rin­gen nie­der­ge­schla­gen, die Kos­ten­über­nah­me von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen durch die Kran­ken­kas­sen ein­zu­schrän­ken. Mit die­sem An­lie­gen schei­ter­ten sie da­mals zwar, aber mit wei­te­ren An­grif­fen auf die Mög­lich­kei­ten eines Schwan­ger­schafts­ab­bru­ches muss ge­rech­net wer­den. Auch in an­de­ren Län­dern gibt es Ver­su­che christ­lich-​fun­da­men­ta­lis­ti­scher Ab­trei­bungs­geg­ner_in­nen, das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch im Zuge der ­tun­gen im Erz­ge­bir­ge hin­aus be­ste­hen auch Ver­bin­dun­gen in die Po­li­tik. Die „Christ­de­mo­kra­ten für das Leben“ (CDL) Or­ga­ni­sa­tor_in­nen des Schwei­ge­mar­sches, ver­fü­gen in Sach­sen be­reits seit 1990 über einen ei­ge­nen Lan­des­ver­band in­ner­halb der CDU. Stef­fen Flath – CDU-​Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der im säch­si­schen Land­tag und pro­mi­nen­ter Un­ter­stüt­zer des Schwei­ge­mar­sches – be­tei­ligt sich seit Jah­ren mit Re­de­bei­trä­gen, in denen er das Ver­bot von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen for­dert. Er­klär­tes Ziel der CDL ist es, ihren Ein­fluss in der CDU zu nut­zen, um Schwan­ger­schafts­ab­brü­che nicht nur in Deutsch­land, son­dern welt­weit zu kri­mi­na­li­sie­ren. Die Ver­su­che der christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­t_in­nen, auf po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen ein­zu­wir­ken, haben sich z.B. 2006 im Vor­stoß der Ge­sund­heits­mi­nis­ter_in­nen von Sach­sen, Sach­sen-​An­halt und Thü­rin­gen nie­der­ge­schla­gen, die Kos­ten­über­nah­me von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen durch die Kran­ken­kas­sen ein­zu­schrän­ken. Mit die­sem An­lie­gen schei­ter­ten sie da­mals zwar, aber mit wei­te­ren An­grif­fen auf die Mög­lich­kei­ten eines Schwan­ger­schafts­ab­bru­ches muss ge­rech­net wer­den. Auch in an­de­ren Län­dern gibt es Ver­su­che christ­lich-​fun­da­men­ta­lis­ti­scher Ab­trei­bungs­geg­ner_in­nen, das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch im Zuge der Durch­ka­pi­ta­li­sie­rung der Ge­sund­heits­sys­te­me und unter dem Stich­wort “Kos­ten­sen­kung” aus­zu­höh­len. In der Schweiz fand z.B. An­fang Fe­bru­ar 2014 ein Volks­ent­scheid zur Frage „Ab­trei­bungs­fi­nan­zie­rung ist Pri­vat­sa­che“ statt, in dem über die Ab­schaf­fung der Zah­lungs­pflicht der Kran­ken­kas­sen ab­ge­stimmt wurde. Diese fand zum Glück keine Mehr­heit.3

Das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch in Deutsch­land
In Deutsch­land sind die Miss­stän­de grö­ßer als viele den­ken. Fe­mi­nis­t_in­nen kämp­fen seit jeher gegen den heute immer noch be­ste­hen­den §218 des Straf­ge­setz­buchs, wel­cher seit 1871 Schwan­ger­schafts­ab­brü­che in Deutsch­land unter Stra­fe stellt.

In der DDR wurde 1972 erst­mals der Schwan­ger­schafts­ab­bruch in den ers­ten 12 Wo­chen ent­kri­mi­na­li­siert. Zu die­ser Zeit war es das for­schritt­lichs­te Ab­trei­bungs­ge­setz der Welt, im Ge­gen­satz zur BRD, wo erst 1995 die heute gül­ti­ge Fris­ten­re­ge­lung in Kraft trat.
Das bis heute gel­ten­de Ge­setz sieht einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch wei­ter­hin als Straf­tat, die nur unter fol­gen­den Um­stän­den nicht straf­recht­lich ver­folgt wird: Ein Ab­bruch kann in­ner­halb der ers­ten 12 Wo­chen durch­ge­führt wer­den, wenn die schwan­ge­re Per­son zuvor eine staat­lich an­er­kann­te Be­ra­tung in An­spruch ge­nom­men hat. In vie­len, vor allem länd­li­chen, Ge­bie­ten wird die er­zwun­ge­ne Be­ra­tung nur durch kirch­li­che Ein­rich­tun­gen an­ge­bo­ten und die schwan­ge­re Per­son zu­sätz­lich unter Druck ge­setzt, sich für die Fort­füh­rung der Schwan­ger­schaft zu ent­schei­den. Hinzu kommt eine drei­tä­gi­ge War­te­frist, die Kos­ten für die­sen me­di­zi­ni­schen Ein­griff wer­den nicht durch die Kran­ken­kas­sen über­nom­men. Le­dig­lich Ge­ring­ver­die­nen­de kön­nen eine fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung be­an­tra­gen. Eine Ab­trei­bung nach den 12 Wo­chen ist nur bei „hoher Ge­fahr für die phy­si­sche oder psy­chi­sche Ges­und­heit“ der schwan­ge­ren Per­son legal.

Das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch welt­weit
Auch in den meis­ten an­de­ren Län­dern gibt es re­strik­ti­ve Ge­set­ze, wel­che die Rech­te von Schwan­ge­ren mas­siv ein­schrän­ken. Ei­ni­ge der we­ni­gen Aus­nah­men sind die USA, die Nie­der­lan­de und Frank­reich.
Die­ses Jahr hat in­ner­halb Eu­ro­pas ins­be­son­de­re Spa­ni­en mit einer deut­li­chen Ver­schär­fung der Rechts­la­ge von sich reden ge­macht.
Seit den Neu­wah­len 2011 wur­den durch die mit ab­so­lu­ter Mehr­heit re­gie­ren­de kon­ser­va­ti­ve Volks­par­tei viele ge­setz­li­che Ver­än­de­run­gen ver­an­lasst. Diese brin­gen nicht nur Spar­maß­nah­men mit sich, wel­che an­geb­lich eine Sta­b­li­li­sie­rung der Wirt­schaft be­wir­ken sol­len, son­dern auch die Auf­he­bung des Rechts auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch.

Rech­te, die in Spa­ni­en erst 2010 er­kämpft wur­den und end­lich zu einer Ver­bes­se­rung ge­führt hat­ten, lau­fen nun Ge­fahr, wie­der ab­ge­schafft zu wer­den. Kon­se­quenz des­sen: ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch gilt wie­der zu jeder Zeit der Schwan­ger­schaft als il­le­gal. Die ein­zi­ge Aus­nah­me be­steht in Fäl­len, in denen eine Ver­ge­wal­ti­gung oder eine mas­si­ve phy­si­sche oder psy­chi­sche Ge­sund­heits­ge­fähr­dung der schwan­ge­ren Per­so­nen vor­liegt. Dies muss je­doch durch zwei un­ab­hän­gi­ge Gut­ach­ten be­stä­tigt wer­den. Für den Ab­bruch selbst muss dann eine drit­te me­di­zi­ni­sche Ein­rich­tung auf­ge­sucht wer­den. Hinzu kommt, dass allen Me­di­zi­ner_in­nen das „Recht auf Ge­wis­sens­frei­heit“ ein­ge­räumt wird. In dem ka­tho­lisch ge­präg­ten Land wird damit häu­fig die Wei­ge­rung be­grün­det, Schwan­ge­re zu be­ra­ten oder einen ge­neh­mig­ten Ab­bruch durch­zu­füh­ren.
Me­di­zi­ner_in­nen, die einen Ab­bruch ohne das Be­ste­hen der ge­setz­lich not­wen­di­gen Gut­ach­ten durch­füh­ren, müs­sen mit Haft­stra­fen bis zu zehn Jah­ren rech­nen. Im­mer­hin konn­te er­reicht wer­den, dass den Schwan­ge­ren selbst keine An­zei­ge mehr droht.

Die töd­li­chen Fol­gen der Kri­mi­na­li­sie­rung
Die Kri­mi­na­li­sie­rung von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen führt dazu, dass Schwan­ge­re il­le­ga­le Ab­brü­che vor­neh­men (las­sen). Dies ge­schieht oft fern­ab der grund­sätz­lich vor­han­de­nen hy­gie­ni­schen und me­di­zi­ni­schen Mög­lich­kei­ten. Nur we­ni­ge kön­nen sich die Reise in Län­der mit fort­schritt­li­che­ren Re­ge­lun­gen leis­ten, um dann dort unter si­che­ren Be­din­gun­gen den Ein­griff vor­neh­men zu las­sen. Durch die man­gel­haf­te hy­gie­ni­sche und me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung kommt es immer wie­der zu Kom­pli­ka­tio­nen, wel­che bis zum Tod der Be­trof­fe­nen füh­ren. In­fol­ge des­sen ster­ben nach Er­he­bun­gen der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on jähr­lich 47.​000 Men­schen.4
Noch schlim­mer steht es um die (Be-)Hand­lungs­mög­lich­kei­ten von ge­flüch­te­ten und il­le­ga­li­sier­ten schwan­ge­ren Per­so­nen. Be­reits ge­mel­de­te Per­so­nen müs­sen sich jede ärzt­li­che Be­hand­lung im Vor­feld von den je­wei­li­gen staat­li­chen Bearbei­ter_in­nen ge­neh­migen las­sen. Il­le­ga­li­sier­te Ge­flüch­te­te haben nicht das Recht, Ärz­t_in­nen auf­zu­su­chen, und diese sind an­ge­hal­ten, il­le­ga­li­sier­te Per­so­nen zu mel­den. Ein­zi­ge Aus­nah­me sind di­rekt le­bens­er­hal­te­ne Maß­nah­men, über deren Not­wen­dig­keit al­ler­dings al­lein die Ärz­t_in­nen ent­schei­den. Für nicht ge­mel­de­te Per­so­nen kann jeder Ärz­t_in­nen­be­such in letz­ter Kon­se­quenz be­deu­ten, ab­ge­scho­ben zu wer­den.

Warum wir im Ka­pi­ta­lis­mus von „Selbst­be­stim­mung“ und nicht von Selbst­be­stim­mung spre­chen
Wenn wir vom Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en* spre­chen, so muss noch etwas zu die­ser „Selbst­be­stim­mung“ ge­sagt wer­den. Die Ent­schei­dung für oder gegen ein Kind ist heute keine Pri­vat­sa­che, son­dern hoch­gra­dig be­ein­flusst durch di­ver­se ge­sell­schaft­li­che Be­din­gun­gen. Diese sind so­wohl öko­no­mi­scher als auch ideo­lo­gi­scher Natur. Als Ver­knüp­fung von bei­dem schafft staat­li­che Be­völ­ke­rungs­po­li­tik hier­bei fi­nan­zi­el­le An­rei­ze bzw. Hemm­nis­se durch Ein­kom­mens­re­gu­lie­rung (z.​B.​Eltern­geld) oder auch (Nicht-​)Be­reit­stel­lung von Be­treu­ungs-​ oder Pfle­ge-​An­ge­bo­ten. Auf ideo­lo­gi­scher Ebene wird das Thema „(keine) Kin­der“ mit der Frage nach dem Fort­be­stand der Na­ti­on, der Ab­si­che­rung des ge­sell­schaft­li­chen Wohl­stands und der Auf­recht­er­hal­tung des so­zia­len Frie­dens ver­knüpft und damit zu einer ‚Ge­mein­schafts­auf­ga­be‘ er­klärt, der durch fa­mi­li­en-​ und so­zi­al­po­li­ti­sche Steue­rungs­maß­nah­men Rech­nung ge­tra­gen wer­den soll. Für die Ein­zel­nen je­doch scheint das Po­li­ti­sche pri­vat zu sein. Die Frage „Kin­der be­kom­men oder nicht?“ wird so zur Frage nach in­di­vi­du­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung. Da­durch kön­nen die durch So­zi­al­ab­bau sich ver­schär­fen­den Pro­ble­me in­di­vi­dua­li­siert wer­den.

Back­lash my ass oder Fight the back­lash!
Chau­vi­nis­ti­sche, rück­schritt­li­che Ten­den­zen sind eine Re­ak­ti­on auf den neo­li­be­ra­len Umbau der Ge­sell­schaft und die damit ver­knüpf­ten in­di­vi­du­el­len Ver­un­si­che­run­gen. Das bür­ger­li­che Ideal der He­te­ro-​Klein­fa­mi­lie als „Keim­zel­le der Ge­sell­schaft“ (oder wahl­wei­se: des Volkes, des Staa­tes), das mit dem Auf­kom­men des Ka­pi­ta­lis­mus ent­stand, ist einem his­to­ri­schen Wan­del un­ter­wor­fen. Heute brö­ckelt die­ses Ideal er­heb­lich, was erst recht zu einem Fest­klam­mern an ihm führt. Nach ka­pi­ta­lis­ti­scher Logik wer­den über­kom­me­ne, in­ef­fi­zi­ent ge­wor­de­ne For­men des Zu­sam­men­le­bens über Bord ge­wor­fen, was auch eman­zi­pa­to­ri­sche Ef­fek­te haben kann. Je­doch wer­den ge­gen­sätz­li­che ideo­lo­gi­sche Denk­for­men als Re­ak­ti­on immer ‚mit­pro­du­ziert‘: ein krampf­haf­tes Fest­hal­ten des­sen, was im Grun­de schon ver­lo­ren ist.
Das­sel­be trifft auf die re­strik­ti­ve Zwei­ge­schlecht­lich­keit und daran ge­knüpf­te Ge­schlech­ter­rol­len zu.
Dort, wo ka­pi­ta­lis­ti­sche Ver­wer­tung Gleich­stel­lung und An­ti­dis­kri­mi­nie­rung be­treibt oder Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen zu­lässt, sor­gen Re­li­gi­on bzw. Ideo­lo­gie – selbst eng ver­wo­ben mit Ver­wer­tungs­pro­zes­sen – für den ent­spre­chen­den Back­lash.
Die­ser zeigt sich heute in Form von se­xis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung und se­xua­li­sier­ter Ge­walt, Homo- und Trans*pho­bie, des Rück­falls in klare Ge­schlech­ter­rol­len im Pri­va­ten, des ge­walt­tä­ti­gen Fest­hal­tens der Zwei­ge­schlech­ter­ord­nung bis hin zur Ver­stüm­me­lung in­ter­ge­schlecht­li­cher Men­schen – und eben auch an dem Auf­trieb für Ab­trei­bungs­geg­ner*innen wie denen in An­na­berg Buch­holz. All dem gilt es ent­schlos­sen ent­ge­gen­zu­tre­ten.

Ver­bo­te von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen und §218 ab­schaf­fen!
Ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch ist keine Straf­tat­, son­dern Men­schen­recht!

- Wer einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch vor­neh­men will, soll dies unter den bes­ten Be­din­gun­gen tun kön­nen!
- Wer nicht will, soll nicht dazu ge­drängt oder ge­zwun­gen wer­den! Wer sich für ein Kind ent­schei­det, muss best­mög­lich un­ter­stützt wer­den.
- Die Be­din­gun­gen, die dazu füh­ren, sich für oder gegen ein Kind zu ent­schei­den müs­sen Ge­gen­stand öf­fent­li­cher Dis­kus­sio­nen sein.
- Für eine sinn­vol­le Auf­klä­rung zu Se­xua­li­tät und Ver­hü­tung! Für die re­zept­freie, kos­ten­lo­se Ver­ga­be von Ver­hü­tungs­mit­teln sowie der Pil­le-​da­nach!
- Für einen guten Zu­gang zu par­tei­li­cher, ideo­lo­gie­frei­er, qua­li­fi­zier­ter Be­ra­tung und me­di­zi­ni­scher Be­treu­ung – für alle!

Mein Bauch ge­hört mir! Ab­or­to Libre! Aler­ta Fe­mi­nis­ta!
Pro Choice Dres­den

Zum Wei­ter­le­sen:
Mär­sche mit bes­ten Grü­ßen
Got­tes Bas­ti­on im säch­si­schen Erz­ge­bir­ge

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  1. * Ob­wohl wir Ge­schlech­ter­ka­te­go­ri­en als Kon­struk­ti­on er­ken­nen, ist die Zwei­ge­schlecht­lich­keit mit­samt ihren „na­tür­li­chen“ Zu­schrei­bun­gen eine ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät, mit der wir immer wie­der kon­fron­tiert sind. Aus die­sem Grund ver­wen­den wir zwar die Be­zeich­nung „Frau­en“, mar­kie­ren diese aber mit einem Stern. Ins­be­son­de­re wol­len wir in dem Zu­sam­men­hang mit Schwan­ger­schaft dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass es ver­schie­de­ne Men­schen gibt, die schwan­ger wer­den kön­nen. Dies kann nicht nur Frau­en be­tref­fen, son­dern z.B. auch Trans*Män­ner, in­ter­ge­schlecht­li­che Per­so­nen oder Men­schen, die sich nicht in Ge­schlechts­ka­te­go­ri­en ein­ord­nen (las­sen) möch­ten. [zurück]
  2. vgl. Jen­ni­fer Stan­ge http://​www.​weiterdenken.​de/​downloads/​Evangelikale_​Download_​2014-01-13.​pdf [zurück]
  3. vgl. http://​www.​svss-​usp­da.​ch/​abtreibungsfinanzierung.​htm [zurück]
  4. vgl. whqlibdoc.​who.​int/​publications/​2011/​9789241501118_​eng.​pdf S.​28 [zurück]